Jung, sexy, elegant. Zivilcourage, Tierschutz,
Freizeitspaß, Zugehörigkeit. Wie klingen diese Worte in Ihren Ohren?
Eigentlich ganz gut, oder? Das weiß auch die rechte Szene. Längst nutzt
sie alle Kanäle, um ihre Ideologie fast unbemerkt in Jedermanns Alltag
zu mischen.
Es war ein bedrückender, aufwühlender Vortrag,
den Reinhard Koch von der Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt am
Mittwochabend in der Aueschule hielt. Rund 90 Gäste waren gekommen, um
sich über die Vorgänge in ihrem Dorf und der Umgebung zu informieren.
Was hängen bleibt, ist vor allem eins: Es ist vorbei mit
jeglichen Klischees. Wer sich einen Rechtsextremen mit Springerstiefeln,
Bomberjacke und Glatze vorstellt, liegt falsch. Die Mode hat sich
angepasst, ist kaum von anderen zu unterscheiden. Nur einzelne Symbole
dienen als Erkennungszeichen – Nichtwissende übersehen sie ganz einfach.
Laut Reinhard Koch spielt in der Wendeburger
Szene vor allem Musik eine Rolle. "Erst vor etwa drei Wochen hat hier
ein Böhse-Onkelz-Konzert stattgefunden, bei dem gern auch noch andere
Lieder gespielt wurden. 50 Personen haben in Wendeburg gefeiert. Wenn es
hart auf hart kommt, könnte die Truppe sicher noch mehr Leute
aktivieren." Aber auch hier gelte: Die rechte Szene setzt nicht mehr nur
auf harte Rechtsrock-Musik, sie hat sich aller Musikstile bedient.
Als Beispiel spielte Reinhard Koch den Zuhörern
eine Hörprobe vor. Da erklingt harmonische Gitarrenmusik, die an eher
alternative Musikrichtungen erinnert. Doch die Strophen sind gespickt
mit Hasstiraden auf behinderte Menschen. Der Titel: "Mongoloid".
Und dann sprach Reinhard Koch über
Gewaltbereitschaft. Er zeigt ein Video, in dem Rechtsradikale mit
Baseballschlägern auf Polizisten losgehen. "Auch das ist leider
inzwischen fast Normalität. Die rechte Szene hat eine neue Qualität
erreicht, sie ist keine Randerscheinung mehr." Reinhard Koch blieb
jedoch nicht beim Allgemeinen, sondern sprach ganz konkret die
Wendeburger Szene an: "Die Kameradschaft Black Boots‘ führt kein
Eigenleben, sondern ist vernetzt. Gegründet wurde sie 2007, und die
Mitglieder traten zum ersten Mal 2008 beim Gedenkmarsch des nationalen
Widerstandes‘ in Magdeburg auf. Auf ihrer Internetseite waren
Hakenkreuze zu sehen – mittlerweile ist die Seite ohne Inhalt." Koch
weiter: "Die Gruppe setzt ihren Schwerpunkt auf Freizeitaktionen. Im
vorletzten Monat war sie beim NPD-Aufmarsch in Hannover mit dabei."
Reinhard Koch zeigte Fotos von "Black Boots"-Mitgliedern: junge Menschen
mit schwarzen T-Shirts. Der Aufdruck: "Kameradschaft Black Boots."
Außerdem waren sie laut Reinhard Koch Gast bei einer so genannten
Sonnenwendfeier in der Lüneburger Heide bei Eschede, die regelmäßig auf
dem Gelände eines NPD-Mitglieds stattfindet. "Die Black Boots‘ sind also
keineswegs ein Feierabendverein. Sie haben Kontakte, die nicht jeder
simple Amateur-Nazi bekommt."
Die Vernetzung – laut Reinhard Koch geht davon
eine besonders große Gefahr aus. Als rechtsextreme Gruppierungen in der
Region nannte er die "Bürgerinitiative für Zivilcourage" in Wolfsburg
und die Autonomen Nationalisten.
Weitere Einflüsse der Szene: In Helmstedt sitzen
zwei NPD-Abgeordnete im Rat, und in Gifhorn wurde eine rechtsextreme
Vereinigung gegründet, die sich selbst "Sportverein SV Germania" nennt.
Auf ihrer Internetseite bietet die Gruppe kostenlos Veranstaltungsräume
und Grillplätze an.
Reinhard Koch: "Die aktivste Gruppe in der
Region sind die Autonomen Nationalisten. Sie treten ganz in Schwarz
gekleidet auf und sind kaum von Linken zu unterscheiden."
Warum fühlen sich junge Menschen überhaupt von
der rechten Szene angezogen? Koch: "Der Aktionismus beeindruckt sie,
hier bekommen sie schnell das Gefühl, zu einer Elite zu gehören; allein
durch die Tatsache, das richtige, deutsche Blut‘ zu haben."
Koch verdeutlichte das an einem beeindruckenden
Beispiel: "Mitglieder der Szene sagen den Jugendlichen am Montag: Am
nächsten Wochenende geht was. Haltet Euch bereit, nehmt Eurer Besteck‘
(Baseballschläger, Mundschutz, Schienbeinschützer) mit.‘ Die
Jugendlichen stehen also die ganze Woche Gewehr bei Fuß, sind allzeit
verfügbar beim Warten auf den Kick. Der Adrenalinspiegel wird also
ständig hochgehalten."
Nach dem Vortrag interessierten sich die
Wendeburger vor allem für eines: Wie verhalten wir uns richtig? Koch:
"Tun Sie sich zusammen, sprechen Sie sich mit der Polizei ab. Entwickeln
Sie zum Beispiel die Strategie, bei jedem Lärm sofort die Polizei zu
rufen. Die Szene muss sich gestört fühlen, merken, dass sie nicht
willkommen ist. Sie können die Jugendlichen auch ansprechen. Erheben Sie
nicht den pädagogischen Zeigefinger. Seien Sie interessiert und
positionieren Sie sich, dass Sie auf der anderen Seite stehen."
Zum Schluss machte Reinhard Koch aber auch
Hoffnung: "Die meisten Jugendlichen sind keine Rechtsextremisten. Sie
schließen sich der Szene nicht wegen der Ideologie an, sondern wegen der
Suche nach Kameradschaft. Genau das bekommen sie dort aber nicht. Und
deshalb kann man sie da rausholen."
Quelle: http://www.aueschule-wendeburg.de/Ausstellung%20Rechte%20Jugendkulturen/Veranstaltung%20am%2028_10_09.html